Dr. Bajan im Treibhaus Luzern

Am 10.12.2010 lädt die Stiftung Jugendaustausch zum jährlichen Schweiz-GUS Treffen nach Luzern ein. Veranstaltet wird die Wjetscherinka in diesem Jahr zusammen mit dem Treibhaus Luzern und Ostkost. Für das Echo hat die Gruppe Dr. Bajan, die ab 21.30 im Treibhaus auftreten werden, vorab ein Interview gegeben.
F060419_DrBajan_Dynamic_100_1872

Dr. Bajan.

(Foto: www.drbajan.de)

Die Musiker von Dr. Bajan verschieben mit ihren selbst komponierten Songs in provokant hemmungsloser Form althergebrachte musikalische Stereotypen. Benannt haben sie sich nach dem russischen Knopfakkordeon Bajan, das der Bandleader Nikolai Fomin dank dem selbst entwickelten System der voll pedalisierten Tonabnahme in psychedelischer Manier spielt. Unter dem Titel „Sovietabilly“ wird russischer Kasatschok, Hardrock, Ska, Klezmer und Jazz mit Polka-Rhythmen durcheinander geschüttelt und ein orgiastischer russischer Rock’n’Roll kreiert. Die Band spielt am 10. Dezember im Rahmen des von der Stiftung Jugendaustausch Schweiz-GUS, Ostkost und Treibhaus Luzern organisierten „Wjetscherinka“ in Luzern. Echo hat vorab in Berlin mit Alf Schulze und Nikolaj Fomin von der Band gesprochen und sie über ihre einmalige Musik und ihren Bezug zu Russland befragt.

Seit wann gibt es Dr. Bajan und wie seid ihr entstanden?

NIKOLAJ: Die Band ist Schritt für Schritt entstanden. Die Beatles haben einmal behauptet, dass sie am liebsten rumhingen und sich daraus ihre Band entwickelt hätte. Ich würde dieses Konzept gerne auch benutzen, doch wir sind ein bisschen zielgerichteter vorgegangen. Wenn ich einschätzen müsste, wie lange wir schon existieren, dann ist das ewig, obwohl wir in dieser Besetzung erst seit 2005 bestehen. Wir fühlen uns noch immer jung und frisch, weil uns immer wieder neue Ideen kommen. Wir haben ein sehr gutes Klima in der Band, deswegen ist es noch immer so inspirativ wie früher.

ALF: Natürlich gibt es Diskurse in der Band und daraus entsteht etwas Neues. Das finde ich sehr schön.

NIKOLAJ: Wir machen das, was wir gerne machen. In dieser Hinsicht sind wir eine sehr freie Band, die diesen Luxus, keinem Produzenten zu gehorchen, geniesst. Wir dürfen spielen, was wir für richtig halten.

Ihr benennt eure Musik Sovietabilly. Was meint ihr damit?

NIKOLAJ: Der Westen trifft den Osten. Das wollen wir damit bezeichnen. Ausserdem ist dieser Begriff, eine Mischung aus Sowjet(union) und (Rock)abilly, sehr lustig und trifft auf unsere Musik zu.

ALF: Man sollte vielleicht dazusagen, dass Nikolaj in der Sowjetunion, v.a. im Leningrader Untergrund, schon ziemlich bekannt war. Er spielte damals in der Band „Wremja Lubitsch“. Und Wladimir Kaminer sagte ganz treffend, dass in unserer Musik auch der alte Geist der Leningrader Musikszene auflebt. Auf unsere Musik und die Band insgesamt trifft das ganz gut zu. Zudem ist Rockabilly ein typisches amerikanisches Symbol und wir haben versucht, damit die zwei Pole (Amerika / Sowjetunion) in einem Wort zusammenzufassen.

Könnt ihr eure Musik noch genauer beschreiben?

NIKOLAJ: Am besten würde man dazu nichts sagen. Denn meine Musik ist die Musik, die ich interessant finde. Wir sind durch viele verschiedene Stile beeinflusst. Natürlich hat unsere Musik einen speziellen russischen Touch. Das hat damit zu tun, dass ich auf Russisch singe. Natürlich sind wir beeinflusst von der jüdischen Musik, der französischen Chansons, von anderen Musikarten, die man als Folk aus Osteuropa versteht. All das ist Bestandteil der russischen Musik und somit auch in mir unterbewusst vorhanden. Als Physiker kann ich das mit der physikalischen Verbreitungslehre illustrieren. Es gibt zwei unterschiedliche Prinzipen: die Diffusion und die Konvektion. Diffusion beschreibt einen Prozess, der Schicht für Schicht die Eigenschaft eines Objekts ändert. Konvektion hingegen beschreibt ein sehr schneller Prozess, wo die originale Eigenschaft der Materie weggefegt wird und durch eine neue Eigenschaft ersetzt wird. Ich finde die Diffusion viel interessanter. Und ich glaube, dass sich auch unsere Musik so entwickelt, weil sie stetigen Einflüssen ausgesetzt ist und sich weiterentwickelt.

Entwickelt ihr eure Stücke gemeinsam?

NIKOLAJ: Das läuft ganz unterschiedlich. Manchmal habe ich eine Idee und am Schluss des gemeinsamen Probens sieht diese ganz anders aus.

Nikolaj, hat dein Physik-Studium einen Einfluss auf dein Instrument gehabt?

NIKOLAJ: (lacht) Ich bin eigentlich ein hoffnungsloser Theoretiker und habe zwei linke Hände. Auch in der Schule hatte ich im Fach „Trud‘“ (Anm. Handwerksunterricht) keine guten Noten. Doch ab und zu bastle ich gerne. Beim Bajan wollte ich den Klang verändern und deshalb habe ich eine Eigenkreation gebaut, die es wahrscheinlich so nirgends gibt. Leider habe ich kein Patent dafür angemeldet. Und jetzt spiele ich nicht nur mit den Händen, sondern auch mit den Füssen. Ich kann durch Pedale meinen Ton verzerren.

ALF: Nikolajs Bajan hat manchmal auch eher den Sound einer E-Gitarre als eines Bajans.

Ihr sagt, ihr wollt die typischen Stereotype brechen? Wie macht ihr das? Bewirkt ihr nicht das Gegenteil, indem ihr auf Samplern wie „Russendisko“ erscheint?

ALF: In unseren Stücken gibt es eine grosse künstlerische und avantgardistische Komponente. Auch die Art und Weise, wie wir spielen, ist untypisch und eigentlich auch inkompatibel mit den auf Tanz ausgelegten Russendiskos. Wir haben einen sehr aussergewöhnlichen und einmaligen Sound.

NIKOLAJ: Für mich gibt es einen grossen Unterschied zwischen lustig und plakativ. Wir brechen mit unserer Musik, die vielleicht manche Stereotypen vordergründig bedient, durch die Oberfläche und verfremden sie. Die alten Hits sind vielleicht überstrapaziert, doch sie sind trotzdem toll und wir ändern sie ja ab und bringen Neues rein.

Spielt ihr auch in Russland? Wer hört eure Musik dort?

NIKOLAJ: Bisher haben wir nur einmal in Russland gespielt. Wir würden gerne öfters dort spielen. Unsere Musik kommt in Russland gut an und in Moskau und St. Petersburg gibt es eine Szene, die unsere Musik hören würde. Zu meiner Zeit war Rockmusik angesagter und die Untergrundszene war sehr lebendig. Heute ist die Konkurrenz natürlich grösser. Aber es gibt einige sehr gute Bands aus St. Petersburg wie zum Beispiel Iva Nova.

Gibt es politische Momente in eurer Musik?

NIKOLAJ: Leider nicht. Die Musik steht für mich im Vordergrund und zudem kann ich das nicht. Aber ich habe Respekt vor den Musikern, die mit ihrer Musik politische Statements liefern.

ALF: Es macht auch keinen Sinn, in Deutschland oder in der Schweiz Statements zur russischen Politik zu machen. Es ist aber ein netter Nebeneffekt, dass wir vielleicht zu einem positiveren Image von russischer Musik beitragen können.

Über was singst du eigentlich am liebsten, Nikolaj?

NIKOLAJ: Über romantische und individuelle Themen. Für mich ist entscheidend, dass ich das Leben beobachte und darüber singen kann. Es gilt auch Zusammenhänge aufzudecken und auf bestimmte Sachen hinzuweisen. Natürlich sind auch hier wieder russische Traditionen in unserer Musik zu finden. Ich liebe beispielsweise die Chastuschki (russische Scherzreime), in denen das Volk Kritik üben konnte und auch ziemlich vulgäre Sachen sagen durfte. Diese Tradition lebt auch in unseren Songs auf.

Weitere Informationen zu Dr. Bajan und musikalische Eindrücke unter: www.drbajan.de
Weitere Informationen zur Wjetscherinka unter: www.schweiz-gus.ch

Hier können Sie den Beitrag kommentieren!