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Livio

Ulan-Ude, 14. Oktober 2008

Nun kam in unserem Lehrmittel das Thema Wohnen vor. Dieses Stichwort verleitete meinen Lehrer Wladimir Iwanowitsch dazu, mir die russische Gesellschaft etwas besser zu erklären. Als bereits etwas älterer Herr hat er die Zeit des Umbruchs in Russland, die Perestrojka, selbst als Erwachsener erlebt. Er zeigte mir auf, dass unser harmonisiertes Bild aus westlicher Sicht, die wir die Perestrojka fast ausschliesslich als positive Demokratisierung und Befreiung aus den Klauen des Kommunismus ansehen, doch etwas zu einseitig und teilweise schlichtweg falsch ist.
Die Menschen sind zwar seit der Perestrojka grundsätzlich frei, haben aber gar keine Möglichkeit mehr, diese Freiheit auszukosten. Vielmehr ist das Leben der meisten «einfachen» Leute von ständiger Arbeit oder der Suche nach Arbeit geprägt. Meine Gastmutter beispielsweise arbeitet sieben Tage pro Woche. Sie hat etwa drei verschiedene Beschäftigungen, welchen sie als Psychologin – in unserer europäischen Gesellschaft ein eher gut bezahlter Mittelklassenjob  – nachgeht. Trotzdem beklagt sie sich über die ständige durch die Inflation bedingte Teuerung der Lebensmittel. Darum ist sie auch froh über den finanziellen Zustupf, den ihr meine Anwesenheit bei ihr in der Wohnung bringt.
Selbstbewusst daher schreitende Damen in den Fussgängerzonen und eine Vielzahl an westlichen und russischen Geschäften, die ein breites Sortiment an Konsumgütern feilbieten. Hinter dieser schönen Fassade herrscht jedoch eine andere Realität: Treppenhäuser in den Wohnblöcken verwahrlosen, weil sich niemand dafür verantwortlich fühlt, alte Menschen müssen von ihren Kindern ernährt werden, um vor der Bettelei gerettet zu werden.

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