mein sprachaufenthalt in bischkek
Es gehörte zur Sowjetunion. Daher die breiten Strassen, die Massenblocks. Die russische Sprache, die kyrillische Schrift. Es liegt in Zentralasien, umringt von China, Kasachstan, Usbekistan und Tadschikistan, daher – und natürlich aus historischen Gründen – eine enorme kulturelle Mischung.
Von Dorothee Raas
Araber zogen hier vorbei, buddhistische Einflüsse lassen sich finden, auch hat die chinesische Präsenz Spuren hinterlassen. Ein muslimisches Land. Anders, als ich es mir vorstellen konnte. Bischkek eine Stadt, mit vielen Parks beglückt, in denen häufig ganzjährige Vergnügungsparks eingerichtet sind, meist offensichtlich nicht erst seit kurzem.
Zeitreise
Wer hierher kommt, bekommt mehr als einfach einen Russischkurs. Es ist eine Reise durch die Zeit, die Kulturen, es ist die Reise in ein Land, das im Aufbruch ist, eine junge Demokratie, die versucht sich vor Rückfällen in alte Strukturen zu schützen.
Warum also Bischkek? Weil es in Kirgistan liegt. Diesem kleinen Land das als die Schweiz Zentralasiens gilt. Das sich einen guten Ruf schuf mit demokratischen Strukturen – wenn dies auch manchmal eher eine Taktik des Präsidenten war, um vom Westen gemocht und somit unterstützt, gestützt zu werden. (In Bischkek unterhält die USA seit 2001 eine Militärbasis, heute macht die SCO (Shanghai Cooperation Organisation) Druck auf Kirgizstan, diese Basis zu schliessen).
Geschichte Hautnah spüren
Wenn man mir heute die typische, generelle Frage stellt, «wie war es denn in Kirgistan» muss ich vor allem sagen: zu kurz. Fünfeinhalb Wochen machten es mir möglich, einen Eindruck zu bekommen, Bischkek kennenzulernen, mehrere Orte Kirgistans zu besuchen und mit vielen Menschen zu sprechen. Sie reichten aber bei Weitem nicht, das Land und was in ihm vorgeht tiefgründig zu verstehen.
Ich hörte von den Unterschieden zwischen dem Norden und dem Süden des Landes, davon, dass der Süden konservativer sei, stark von Usbekistan beeinflusst werde. Ich sah die Moscheen, hörte die Muezzins, traf aber kaum jemanden der preisgab, hin und wieder an heiligen Orten beten zu gehen. Ich sprach mit um die 50-Jährigen, die die Sowjetzeit bei weitem besser einschätzen als dies westeuropäische Geschichtsbücher erzählen. Denn wirtschaftlich standen viele besser da, der Arbeitsplatz war gesichert. Die Ungewissheit des heutigen «morgen» war weniger präsent. Die jüngere Generation um die 20 aber schätzt besonders die heutige Unabhängigkeit, die Möglichkeit, das Los des Landes mitzubestimmen, und vor allem auch ihre eigene Existenz selber und selbständig aufzubauen. Ich sah die Frauen und Mädchen ganz nach ihrem eigenen Geschmack gekleidet, und sehr präsent im öffentlichen Leben. Hörte gleichzeitig die Geschichten darüber, wie im Hause aber doch weitgehend traditionellere Regeln die Familienstruktur bestimmen. Von Wodkaeinflüssen und Mädchenentführungen für arrangierte Hochzeiten. Ich traf junge Bischkeker im Nachtclub wo türkische und indische R’n’B Mixmusik lief, traf sie am Issuk-Kul-See beim Biertrinken und sich sonnen.
Russisch mit Händen und Füssen
Die Menschen in Bischkek empfand ich als freundlich, höflich und ruhig. In den Bussen hörte ich meistens nur wenige Stimmen, die sich unterhielten. Ich wurde kaum angesprochen, geschweige denn irgendwie gestört oder gar belästigt. Wenn ich mit jemandem sprach, waren alle stets hilfsbereit und dann doch neugierig darauf, mehr zu erfahren.
Was ich von meinem Aufenthalt in Bischkek mitnehme, ist neben den vielen Eindrücken und positiven Erfahrungen die Lust, mehr Russisch zu lernen und zurückzukommen, wenn mir alles leichter fallen wird, wenn ich mich ausführlicher mit den Menschen unterhalten kann.
Obwohl man in fünfeinhalb Wochen die Sprache kaum vollständig beherrscht, lohnt es sich auf jeden Fall, auch für diesen Zeitraum einen Sprachkurs zu belegen. Ich profitierte jeden Tag von vier Lektionen Privatunterricht, der dementsprechend intensiv war, und hatte das Glück, eine sehr nette Gastfamilie zu haben. Ich war sofort Teil der Familie, sie machten mehrere Ausflüge mit mir in die schöne Umgebung, und meine Gastmutter hatte eine unendliche Geduld, meine Geschichten anzuhören. Mit Gesten, Wörterbuch und gutem Willen konnten wir uns schlussendlich sehr viel sagen und man lernt so nach und nach, sich in fremde Strukturen und Sichtweisen einzufühlen.
Meine Ausflüge führten mich mehrmals in die Berge, zum Wandern, Schaschlik essen, und um einfach die Natur zu geniessen. Wir fuhren zum historischen Ort Burana, durch den die frühere Seidenstrasse führte. Mein letztes Wochenende verbrachte ich mit meinen neuen kirgisischen Freundinnen am berühmten Issuk-Kul-See, dem zweitgrössten, höchstgelegenen Bergsee der Welt (der grösste ist der Titicacasee in den Anden). Eine stets hilfreiche, unkomplizierte und herzliche Ansprechpartnerin in Bischkek fand ich täglich im Büro von Babushka Adoption. Das gesamte junge Team strahlt eine Sympathie aus, die einem das Gefühl vermittelt, auch in Kirgistan zu Hause zu sein.
Zusammenfassend kann ich einen Sprachkurs in Bischkek jedem empfehlen, der Lust auf etwas Neues, Spannendes und Bereicherndes hat. Neben intensivem Russischlernen bereichern offene, sympathische und herzliche Menschen sowie eine wunderschöne Natur und eine interessante, blühende Geschichte das Land und den gesamten Aufenthalt. Ich möchte hiermit der Stiftung Jugendaustausch Schweiz-GUS, Babushka Adoption in Bischkek sowie allen Menschen, die mir während meines Aufenhalts begegnet sind, ganz herzlich für diese faszinierenden, schönen Wochen danken.