3xo.ch - зхо echo Zweisprachiges Magazin: Ausgabe 2007-04
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Ausgabe 2007-04
Treffpunkt für Naturfreunde und Sonnenanbeter

mein sprachaufenthalt in bischkek

Es gehörte zur Sowjetunion. Daher die breiten Strassen, die Massenblocks. Die russische Sprache, die kyrillische Schrift. Es liegt in Zentralasien, umringt von China, Kasachstan, Usbekistan und Tadschikistan, daher – und natürlich aus historischen Gründen – eine enorme kulturelle Mischung.

Von Dorothee Raas


Araber zogen hier vorbei, buddhistische Einflüsse lassen sich finden, auch hat die chinesische Präsenz Spuren hinterlassen. Ein muslimisches Land. Anders, als ich es mir vorstellen konnte. Bischkek eine Stadt, mit vielen Parks beglückt, in denen häufig ganzjährige Vergnügungsparks eingerichtet sind, meist offensichtlich nicht erst seit kurzem.

Zeitreise

Wer hierher kommt, bekommt mehr als einfach einen Russischkurs. Es ist eine Reise durch die Zeit, die Kulturen, es ist die Reise in ein Land, das im Aufbruch ist, eine junge Demokratie, die versucht sich vor Rückfällen in alte Strukturen zu schützen.
Warum also Bischkek? Weil es in Kirgistan liegt. Diesem kleinen Land das als die Schweiz Zentralasiens gilt. Das sich einen guten Ruf schuf mit demokratischen Strukturen – wenn dies auch manchmal eher eine Taktik des Präsidenten war, um vom Westen gemocht und somit unterstützt, gestützt zu werden. (In Bischkek unterhält die USA seit 2001 eine Militärbasis, heute macht die SCO (Shanghai Cooperation Organisation) Druck auf Kirgizstan, diese Basis zu schliessen).

Geschichte Hautnah spüren

Wenn man mir heute die typische, generelle Frage stellt, «wie war es denn in Kirgistan» muss ich vor allem sagen: zu kurz. Fünfeinhalb Wochen machten es mir möglich, einen Eindruck zu bekommen, Bischkek kennenzulernen, mehrere Orte Kirgistans zu besuchen und mit vielen Menschen zu sprechen. Sie reichten aber bei Weitem nicht, das Land und was in ihm vorgeht tiefgründig zu verstehen.
Ich hörte von den Unterschieden zwischen dem Norden und dem Süden des Landes, davon, dass der Süden konservativer sei, stark von Usbekistan beeinflusst werde. Ich sah die Moscheen, hörte die Muezzins, traf aber kaum jemanden der preisgab, hin und wieder an heiligen Orten beten zu gehen. Ich sprach mit um die 50-Jährigen, die die Sowjetzeit bei weitem besser einschätzen als dies westeuropäische Geschichtsbücher erzählen. Denn wirtschaftlich standen viele besser da, der Arbeitsplatz war gesichert. Die Ungewissheit des heutigen «morgen» war weniger präsent. Die jüngere Generation um die 20 aber schätzt besonders die heutige Unabhängigkeit, die Möglichkeit, das Los des Landes mitzubestimmen, und vor allem auch ihre eigene Existenz selber und selbständig aufzubauen. Ich sah die Frauen und Mädchen ganz nach ihrem eigenen Geschmack gekleidet, und sehr präsent im öffentlichen Leben. Hörte gleichzeitig die Geschichten darüber, wie im Hause aber doch weitgehend traditionellere Regeln die Familienstruktur bestimmen. Von Wodkaeinflüssen und Mädchenentführungen für arrangierte Hochzeiten. Ich traf junge Bischkeker im Nachtclub wo türkische und indische R’n’B Mixmusik lief, traf sie am Issuk-Kul-See beim Biertrinken und sich sonnen.

Russisch mit Händen und Füssen

Die Menschen in Bischkek empfand ich als freundlich, höflich und ruhig. In den Bussen hörte ich meistens nur wenige Stimmen, die sich unterhielten. Ich wurde kaum angesprochen, geschweige denn irgendwie gestört oder gar belästigt. Wenn ich mit jemandem sprach, waren alle stets hilfsbereit und dann doch neugierig darauf, mehr zu erfahren.
Was ich von meinem Aufenthalt in Bischkek mitnehme, ist neben den vielen Eindrücken und positiven Erfahrungen die Lust, mehr Russisch zu lernen und zurückzukommen, wenn mir alles leichter fallen wird, wenn ich mich ausführlicher mit den Menschen unterhalten kann.
Obwohl man in fünfeinhalb Wochen die Sprache kaum vollständig beherrscht, lohnt es sich auf jeden Fall, auch für diesen Zeitraum einen Sprachkurs zu belegen. Ich profitierte jeden Tag von vier Lektionen Privatunterricht, der dementsprechend intensiv war, und hatte das Glück, eine sehr nette Gastfamilie zu haben. Ich war sofort Teil der Familie, sie machten mehrere Ausflüge mit mir in die schöne Umgebung, und meine Gastmutter hatte eine unendliche Geduld, meine Geschichten anzuhören. Mit Gesten, Wörterbuch und gutem Willen konnten wir uns schlussendlich sehr viel sagen und man lernt so nach und nach, sich in fremde Strukturen und Sichtweisen einzufühlen.
Meine Ausflüge führten mich mehrmals in die Berge, zum Wandern, Schaschlik essen, und um einfach die Natur zu geniessen. Wir fuhren zum historischen Ort Burana, durch den die frühere Seidenstrasse führte. Mein letztes Wochenende verbrachte ich mit meinen neuen kirgisischen Freundinnen am berühmten Issuk-Kul-See, dem zweitgrössten, höchstgelegenen Bergsee der Welt (der grösste ist der Titicacasee in den Anden). Eine stets hilfreiche, unkomplizierte und herzliche Ansprechpartnerin in Bischkek fand ich täglich im Büro von Babushka Adoption. Das gesamte junge Team strahlt eine Sympathie aus, die einem das Gefühl vermittelt, auch in Kirgistan zu Hause zu sein.
Zusammenfassend kann ich einen Sprachkurs in Bischkek jedem empfehlen, der Lust auf etwas Neues, Spannendes und Bereicherndes hat. Neben intensivem Russischlernen bereichern offene, sympathische und herzliche Menschen sowie eine wunderschöne Natur und eine interessante, blühende Geschichte das Land und den gesamten Aufenthalt. Ich möchte hiermit der Stiftung Jugendaustausch Schweiz-GUS, Babushka Adoption in Bischkek sowie allen Menschen, die mir während meines Aufenhalts begegnet sind, ganz herzlich für diese faszinierenden, schönen Wochen danken.



Im Tsarina bewachen Matriuschkas das Kühlregal und sorgen für russisches Flair.

russlands gaumenfreuden, hierzulande gekauft

Auch im Ausland wollen Russinnen und Russen nicht auf ihre Essgewohnheiten verzichten. Sie suchen Läden auf, welche die Produkte ihrer Heimat anbieten.

Von Christine Bertschi


«Die Pel’meni sind unser meistverkauftes Produkt», tönt es einstimmig aus den drei Russenläden «Sibir», «Tsarina» und «Tri Medvedja». Der Geschmack der Lebensmittel sei in Westeuropa einfach anders als in ihrer Heimat, begründet die Moskauerin Marina Rubtsova. Vor zwei Jahren zog Marina der Liebe wegen in die Schweiz, anfangs 2007 übernahm sie den «Tri Medvedja» in Aarau. Zusammen mit ihrem Partner, einem Schweizer, verkauft sie dort «alles, was einem russischen Menschen hier fehlt». Sprich: Pel’meni (kleine Teigtaschen mit Hackfleischfüllung), Seljodka (Hering), Gretschka (Buchweizen für Brei) und vieles mehr.


Eine Handvoll Kunden pro Tag

Die Lebensmittel kommen grösstenteils nicht aus Russland. «In Deutschland gibt es zwei Firmen, welche für russische Marken produzieren. Nach original russischen Rezepten, versteht sich», erklärt die junge Ladenbesitzerin. Marina lässt ihren Laden nicht beliefern, sie fährt selbst nach Deutschland. «So können wir auf Kundenwünsche sehr schnell reagieren. Ich habe immer ein offenes Ohr für Vorschläge, welche Produkte ich neu ins Sortiment aufnehmen soll.» Der Cognac hingegen, welcher der grosse Stolz des Ladeninhaberpaares ist, kommt direkt aus Moldawien. Marinas Partner hat ihn auf einer Geschäftsreise entdeckt und war begeistert von Geschmack und Qualität.

Etwa sechs Kunden bedient Marina pro Tag. Am Samstag vielleicht 20. Leben kann sie davon nicht. Doch die junge Ingenieurin aus Moskau ist optimistisch: «Etwa drei Jahre braucht ein Geschäft, bis es sich etabliert hat. Unsere Kundschaft und das Angebot wachsen ständig.» Und an Ideen für die Zukunft fehlt es ihr nicht: Bald dürfte es schwarzes Brot und Piroschki (Hefebrötchen mit verschiedenen Füllungen) geben. Sie verhandelt derzeit mit einer Bäckerei.


Cognac und Tee

Ungefähr 90 Prozent ihrer Kunden seien Russ­en, schätzt Marina. Aber auch Schweizer fänden je länger je mehr Gefallen an der russischen Küche. «Heute haben viele Westeuropäer die Gelegenheit, nach Russland zu fahren und die dortige Küche schätzen zu lernen.» Um dem Trend ein bisschen nachzuhelfen, gibt es im Tri Medvedja jeden ersten Samstag im Monat Degustation eines der rund 200 Produkte: einmal Salzgurken, ein anderes Mal Wodka oder Cognac. «Wir haben unseren Samowar auch schon vor dem Laden aufgestellt und den vorbeigehenden Fussgängern russischen Tee und Gebäck angeboten», erzählt Marina. Russische Gastfreundschaft eben. Auch im Laden selbst ist für Geselligkeit genug Platz reserviert: Zwei Sessel und ein Tischchen stehen unter dem Zimmerbaum, auf dem Tischchen drei halbleere Flaschen des moldawischen Cognacs.

Wenn die Tage kürzer werden

Verkäuferin Olga Schneider ist erst seit einigen Tagen im Zürcher «Tsarina» angestellt. Sie räumt eine soeben angekommene Liefer­ung ein. Regale und Kühltruhe sind voll, Geschenksets für Weihnachten und Neujahr liegen bereit. Süssigkeiten für die Kinder und alkoholische Getränke laufen in der Vorweihnachtszeit besonders gut, erklärt Elena Koposova, Geschäftsführerin des Tsarina. Vor sechs Jahren gründete sie das Geschäft für russische Spezialitäten. Je nach Saison variiere ihr Angebot, die Nachfrage nach russischen Lebensmitteln und Getränken sei im Winter generell höher, so die Geschäftsfrau. Im Tsarina gehen längst nicht nur Russen ein und aus, etwa die Hälfte der Kundschaft stamme aus Westeuropa: «Die Idee war nie, einen Laden speziell für Russen zu führen», erklärt Koposova, «vielmehr geht es uns darum, die russische Kultur zu präsentieren.» Wohl noch besser als die Pel’meni und der georgische Wein zusammen läuft ihr Cateringunternehmen. Dort bietet sie russische Apéros und einen Partyservice für Grossanlässe an. Von Birkensaft bis zu rotem Kaviar lässt die Menükarte keinen Wunsch offen. Derzeit kann Koposova der Nachfrage kaum nachkommen. Wen es beim Besuch im Tsarina definitiv in den Osten zieht, der kann im Nebenzimmer gleich eine Reise buchen: Eine Kreuzfahrt oder «Avia-Bileti» beim Osteuropa-Spezialisten «Euro Business Center».

Authentisch, freundlich und kundenorientiert

Russische Popmusik läuft im Sibirien-Intermarket «Sibir´» in Lörrach. Junge Frauen mit hochhackigen Schuhen und Babuschki mit Kopftuch füllen ihre Einkaufswagen. Ein Mann trägt zwei Wodkaflaschen zur Kasse. Im Sibir´ tragen die Verkäuferinnen original russische Schürzen. Alles sehr typisch, nur der Umgang mit den Kunden ist ein bisschen freundlicher, als man es sich von Russland gewohnt ist. «Wir brauchen einfach einen solchen Laden», erklärt Geschäftsführer Waldemar Ostertag. Er führt den Sibir´ seit drei Jahren. Alleine im Kreis Lörrach wohnen nach Ostertags Schätzung 15’000 Russen, dazu kommen Kunden aus dem nahen Basel und auch von weiter her. Doch nicht nur Russen sind bei ihm willkommen, es gibt ein Regal mit polnischen Artikeln. Und auch Schweizer und Deutsche zählen zu den Stammkunden des Sibirien-Intermarkets.
Speziell am Sibir´ ist, dass es neben Konserven auch ein grosses Angebot an Frischprodukten gibt: Kohlköpfe, Früchte, aber auch Fleisch und Fisch. Neun Mitarbeiter beschäftigt Ostertag im seinem Laden. Er würde gerne expandieren, aber erst wenn die Marktsituation besser wird. Eines Tages eine ganze Ladenkette besitzen, das möchten auch die Besitzerinnen der Russenläden in Aarau und Zürich. «Meine Kunden kommen nicht nur aus Aarau, sondern auch aus Lenzburg oder sogar aus der Innerschweiz», erklärt Marina. Es sei notwendig, mit Filialen so nahe wie möglich an den Wohnort der Kundschaft zu kommen, betont die junge Frau.



Luca Froelicher schöpft Borschtsch aus.

schweiz-gus-treff


Der diesjährige Schweiz-GUS Treff am 17. November war thematisch und kulinarisch der Ukraine gewidmet. Ein gutes Dutzend ehemaliger und vielleicht zukünftiger Programmteilnehmer erfuhr etwas über Geschichte und Politik der Ukraine, sowie über die Möglichkeiten, mit Jugendaustausch Schweiz-GUS dorthin zu fahren.  

Monika Sigrist erzählte von ihren Eindrücken aus der Ukraine. Sie nahm an einem Bergwald-Projekt teil im ukrainischen Dorf Lopuchovo in den Karpaten. Fotos von Arbeit, Freizeit und ukrainischen Landschaften untermalten ihre Beschreibungen. Daran anknüpfend wurde spontan diskutiert, ob wohl Interesse bestünde an Labour Service oder Projekten im ländlichen Raum. Luca Froelicher, der zusammen mit Tania Hörler den Nachmittag organisiert hat, referierte über die Geschichte der Ukraine von der Kiewer Rus’ im 9. Jahrhundert bis heute. Zwei kurze Dokumentarfilme verdeutlichten die gesellschaftliche Situation in der Ukraine nach der orangenen Revolution.

Nach dem offiziellen Teil der Veranstaltung wurde beim traditionellen Borschtsch über Erinnerungen und Pläne geredet, neue Bekanntschaften wurden geknüpft und alte Freunde wieder getroffen.


fasten im dezember

Interview mit Anastasia Gavrilova aus Rüti (ZH)

Du bist Russin aus St. Petersburg. Bis wann hast du in Russland gelebt?

Bis 2001, als ich 10 Jahre alt war.

War Weihnachten für deine Familie in Russland ein wichtiges Fest?

Nein, Neujahr war viel bedeutender. Wir stellten dann jeweils die Ëlka auf, die bei uns meist aus Plastik war und die man wie einen Schirm aufklappen konnte. Einmal habe ich mich sogar selber als Ded Moroz verkleidet und die Geschenke verteilt! Auch in der Schule wurde so um den 27. Dezember das Jahresende gefeiert, das gleich auch immer mit der vierteljährlichen Zeugnisabgabe zusammenfiel. Am 31. Dezember war dann wie gesagt zu Hause das grosse Familienfest, an dem man um Mitternacht die Korken knallen liess und die grosse Gala-Show im Fernsehen anschaute.
Meine Grossmutter bereitete immer verschiedene Salate zu: russischen, bei uns «Olivier» genannt, Thonsalat, Hering usw. Es gab auch Aufschnitt oder Pouletschenkel. Süssigkeiten gehörten allerdings nicht dazu, wir hatten also keine Weihnachtsguetzli oder Pralinen.

Und wie stand es mit Weihnachten?

Den Heiligabend feierten wir immer im engsten Familienkreis am 6. Januar. Es gab nochmals Geschenke, aber eher symbolische, und in etwa das gleiche Essen wie an Neujahr. Ausserdem stellten wir eine Ikone auf und zündeten davor eine Kerze an. Um Mitternacht schauten wir uns dann die Messe im Fernsehen an.

Gab es bei euch auch ein Weihnachtsessen mit 12 Gängen?

Nein, obwohl ich von einigen Dingen, die du im Artikel erwähnt hast, schon gehört oder sie hier an russischen Weihnachten in Zürich gesehen habe.

Der Ded Moroz geht ja auf den Heiligen Nikolaus zurück und ist somit «verwandt» mit dem Samichlaus. Bringt er den Kindern auch Süssigkeiten wie bei uns? Und muss man Angst haben vor ihm?

Nein, vor dem Ded Moroz muss man keine Angst haben! Zwar können ihm die Kinder, wenn sie wollen, Lieder vorsingen, aber er bringt sicher immer nur Gutes mit, nämlich die Neujahrsgeschenke.
Ausserdem begleitet ihn ja seine Enkelin, Snegurotschka, die aussieht wie ein Engel und auch sehr lieb ist. Allerdings bringt der Ded Moroz nicht wie in der Schweiz Süssigkeiten. Die gehören bei uns einfach nicht zu Weihnachten oder Neujahr.

Wie und wann feierst du Weihnachten hier in der Schweiz?

Da mein Stiefvater Schweizer ist, feiern wir am 25. Dezember auf Schweizer Art. Meine Familie in Russland, meine Mutter und ich sind aber über die Jahre religiöser geworden, und so gehört es bei uns mittlerweile dazu am 7. Januar in Zürich den russischen Weihnachtsgottesdienst zu besuchen.
Auch fasten wir vor Weihnachten, und zwar während 39 Tagen! Wir versuchen in dieser Zeit kein Fleisch, keine Eier und keine Milchprodukte zu essen. Das ist manchmal schon ein bisschen hart. Beim Fleisch versuche ich konsequent zu sein, aber die Milchprodukte kann ich nicht ganz weg lassen. Ich verfolge diese Tradition aber nicht fanatisch; wenn ich irgendwo eingeladen bin und es wird Fleisch serviert, esse ich mit.

Worin siehst du den Sinn des Fastens?

Ich bereite mich geistig auf das Fest von Jesu’ Geburt vor, das heisst, es wird mir bewusster, was an diesem Tag gefeiert werden soll. Ausserdem bedeutet es für mich auch, dass das Seelische dem Körperlichen überlegen sein sollte, dass man also nicht immer allen körperlichen Gelüsten nachgeben soll. Am 6. Januar ist dann quasi der Höhepunkt der Fastenzeit. Es gibt Leute, die bis zum Erscheinen des ersten Sterns am Himmel gar nichts essen. Ich selber versuche an diesem Tag einfach mich ganz streng an alle Fastenregeln zu halten.

Geht ihr an Weihnachten hier in ein russisches Spezialitätengeschäft, um euch mit typischen Weihnachtszutaten einzudecken?

Nein, meine Mutter kocht zwar viel russisch, aber mit den Zutaten, die sie in einem Schweizer Supermarkt bekommt.

vom neujahrsbaum zu den 12 weihnachtsgängen

Vor der Zeit Peters des Grossen feierte Russ­land am 1. September jeweils den Anfang eines neuen Jahres. Peter aber hatte die Vision, Russland und Westeuropa anzunähern und reformierte so manchen Bereich des russischen Lebens nach westlichem Vorbild. Und so kam es, dass per Zarenerlass ab dem Jahr 1699 das neue Jahr am 1. Januar gefeiert wurde.

Von Daniela Mistrello
 
Allerdings galt im russischen Reich noch bis 1918 der julianische Kalender, weshalb die jeweiligen Feiertage zwei Wochen später als in Westeuropa gefeiert wurden. 1918 wurde die gregorianische Zeitrechnung übernommen und fortan stimmten die Kalender Russlands mit denjenigen Westeuropas überein.
Einzig die russisch-orthodoxe Kirche stellte sich quer und hielt an den alten Daten fest, was erklärt, dass heute in Russland Neujahr (weltlich) vor Weihnachten (kirchlich) gefeiert wird.
Als die Kommunisten an die Macht kamen, durften die frischgebackenen Sowjetbürger zwar ihren – ebenfalls aus dem Westen importierten – Weihnachtsbaum behalten, allerdings sollte dieser nichts mehr mit dem verpönten christlichen Fest zu tun haben. Auch den traditionellen St.-Nikolaus-Tag, der am 6. Dezember gefeiert wurde, und der bis auf das 11. Jahrhundert zurück ging, sollte es fortan nicht mehr geben. Aus Nikolaus wurde Väterchen Frost, der nun am Neujahr die Geschenke brachte, und der Christbaum musste nun als «Neujahrsbaum» hinhalten.
Nun, da die kommunistische Religionsfeindlichkeit definitiv vorbei ist, kann Weihnachten im gesamten osteuropäischen Raum wieder als grosses christliches Fest zelebriert werden. Dabei erleben alte, fast vergessene Traditionen ein Revival. Dazu gehören nebst alten Gebeten, einer Fastenzeit von bis zu 39 Tagen und dem Ausstreuen von Heu auch das 12-gängige Menu zu Heiligabend (6. Januar). Wenn der erste Stern am Himmel erscheint – in Erinnerung an den Stern von Bethlehem – darf geschlemmt werden. Allerdings handelt es sich hier immer noch um eine Fastenspeise, was heisst, dass weder Milchprodukte (auch keine Schokolade!) noch Fleisch darin vorkommen.

Honigkreuz und Brot

Die Familie versammelt sich am Tisch um die Ankunft des Christkindes zu feiern. Eine grosse weisse Kerze steht in der Mitte des Tisches. Sie symbolisiert Christus, «das Licht der Welt». Neben der Kerze liegt ein rundes Brot, Pagatsch genannt, das ebenfalls Christus symbolisiert, «das Brot des Lebens». Das Festmahl beginnt damit, dass die Familie das Vaterunser betet. Es folgt ein Dankesgebet für das vergangene und das kommende Jahr. Der Vater grüsst die Familie mit dem traditionellen Weihnachtsgruss «Christos rodisja» (Christus ist geboren), was mit «Vo istine rodisja» (Er ist wahrlich geboren) beantwortet wird. Der Tradition gemäss soll dann die Mutter jedem Familienmitglied mit Honig ein Kreuz auf die Stirn zeichnen und einen Segen sprechen. Danach wird das Brot  aufgeteilt und zuerst in Honig und danach in gehackten Knoblauch getunkt. Der Honig symbolisiert dabei die süssen Seiten des Lebens und der Knoblauch die bitteren.
Jetzt endlich folgt die Hauptspeise, meist Fisch. Das gesamte Weihnachtsmenu besteht insgesamt aus folgenden 12 «Gängen», die übrigens die 12 Apostel symbolisieren, welche am letzten Abendmahl mit Christus zusammen sassen:

1.    Pilzsuppe oder Kohlsuppe
2.    Fastenbrot (Pagatsch)
3.    Gehackter Knoblauch
4.    Honig
5.    Gebackener Fisch
6.    Frische Orangen, Feigen und Datteln
7.    Nüsse
8.    Weisse Bohnen mit geraffelten Kartoffeln, Knoblauch, Salz und Pfeffer
9.    Erbsen
10.    Gekochte Frühlingskartoffeln mit Petersilie
11.    Bobalki (Teigklösschen mit Kohl, Mohn oder Honig)
    oder Pirogi (Teigtaschen)
12.    Wein

Die Zusammensetzung des Menus kann je nach Region variieren. In gewissen Regionen ist «Kutya» die Hauptspeise (auch «Sotschivo» genannt), die von der ganzen Familie gemeinsam aus einer Schüssel gegessen wird, was Einigkeit symbolisiert. Auch die Zutaten dieses Gerichts sind symbolisch: Kutya ist ein porridge-ähnliches Gericht aus Weizen- und anderen Getreidekörnen (sie stehen für Hoffnung) sowie Honig und Mohn (für Freude und Erfolg). In vielen Familien darf am Heiligabend auch der Borschtsch nicht fehlen.

Auspacken, dann abwaschen

Nach dem Essen wird übrigens nicht gleich abgewaschen, sondern nun werden die Geschenke ausgepackt. Danach geht die ganze Familie in die Weihnachtsmesse, welche bis um vier Uhr früh dauern kann!
Am Weihnachtstag sind der Fantasie in kulinarischer Hinsicht keine Grenzen mehr gesetzt. Da können Spanferkel oder Truthahn auf dem Tisch stehen, und auch Schokolade und andere Süssigkeiten dürfen am 7. Januar nicht fehlen.

editorial

Nicht nur morgens, mittags und nicht zuletzt abends dreht sich fast alles um Markt, Küche und was dabei herauskommt, auch die neueste Ausgabe der «Vostotschnaja» steht ganz im Zeichen des Kulinarischen.

Dass russische Menschen, die in der Schweiz leben, nicht nur zu Weihnachten Spezialitäten aus der Heimat verzehren können oder wollen, zeigt der Bericht von Christine Bertschinger. Vorgestellt werden drei Russische Spezialitäten-Läden aus Aarau, Zürich und Lörrach. Wer also noch auf der Suche ist nach dem diesmal aber wirklich völlig überraschenden

Rezept fürs Jahresende, muss nach den Zutaten kaum lange suchen.

Bevor man sich jedoch in die grosszügige russische Speisekarte einarbeitet und vertieft, tut man gut daran, über eine 39-tägige Fastenzeit im Vorfeld des 6. Januar, des Weihnachtsabends nach Julianischem Kalender, nachzudenken. So oder so, ob fastend oder nicht, das Lesen von Daniela Mistrellos Artikel weckt Gelüste und provoziert knurrende Bäuche, denn detailreich und gaumenfreudig wird nicht nur das 12-gängige russische Weihnachtsmenü geschildert. Vertieft wird der Beitrag durch ein Interview mit einer jungen, seit gut fünf Jahren in der Schweiz lebenden Russin, das unter anderem zeigt, dass das Fasten, wenn auch nicht immer ganz rigoros, auch in der Schweiz weitergepflegt wird. Garniert werden die

Beiträge durch Menü-Vorschläge – so wird beispiels-weise ein Rezept für gefüllten Zander vorgestellt –, Erklärungen wichtiger russischer Weihnachtsbegriffe und einer Übersicht berühmter russischer Speisen.

Zudem erfährt man in Christine Bertschingers Bericht über den diesjährigen Schweiz-GUS-Treff vom 17. November in Luzern, dass auch dort das Essen in Form des traditionellen Borschtsch-Essens einen wichtigen Platz einnahm.

Und schliesslich kreist und schleicht auch das aktuelle Forum um Töpfe und Braten: Berichtet wird von den vielseitigen Erfahrungen mit dem Essen bei Aufenthalten und Reisen in Russland.

Dass man in Russland nicht nur essen und trinken, sondern auch als Englisch-Lehrer unterwegs sein kann, zeigt der Bericht von Raphael Frei. Sein Tagebuch ist auch online nachzulesen.

Wem der Lesehunger nach diesen Zeilen nicht ganz vergangen ist, wünsche ich guten Lektüreappetit und viele Anregungen für die kommenden, ach so erbärmlich kalten und faden Tage.


Marcel Weder


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