3xo.ch - зхо echo Zweisprachiges Magazin: Ausgabe 2008-01
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Ausgabe 2008-01
Der Baikal

Hast du schon immer mal davon geträumt nach Sibirien zu reisen? Möchtest du den schönsten See der Welt entdecken? Willst du dabei auch noch Russisch lernen? Mit unserem zweiwöchigem Programm Sibirien entdecken fährst du nach Irkutsk, der Hauptstadt Ostsibiriens.


In Irkutsk wirst du bei unserer Partneruniversität jeweils am Morgen einen Russischkurs besuchen. Dieser findet in Kleingruppen statt und dauert insgesamt 54 Lektionen (à 45 Minuten). Du brauchst dazu keine grossen Russischkenntnisse zu haben, solltest aber ein wenig Englisch sprechen.
Jeweils am Nachmittag organisiert die Universität ein reichhaltiges Exkursionsprogramm mit Besuchen von Freiluftmuseen, kulturellen Anlässen und Zug- und Busfahrten zum Baikalsee, der Perle Sibiriens, die 20 % der weltweiten Trinkwasserreserven beinhaltet und so klar ist, dass eine CD in 40 Metern Tiefe zu sehen ist. Den Baikal wirst du sogar mit einer Bootsfahrt entdecken.
Zusätzlich werden dich russische Studentinnen und Studenten am Abend begleiten – wenn du Lust hast – und dir das Nachtleben Irkutsks zeigen. Die Nacht verbringst du mit anderen Studenten im gut gepflegten Studentenheim gleich neben der Universität. Du hast ein eigenes Bett und WC/Bad im Zimmer.
Wir, die Stiftung Jugendaustausch, organisieren dir das vollumfängliche Programm und besorgen dir das russische Visum. Zusätzlich erhältst du von uns wertvolle Informationen und eine Reisedokumentation. Wir können dir auch Zugreisen mit der Transsibirischen Eisenbahn organisieren oder Flüge nach Irkutsk, das du am Besten über Moskau erreichst.

Selma nahm am auf Seite 14 beschriebenen Angebot der Stiftung Jugendaustausch Schweiz-GUS teil und erlebte ein äusserst vielseitiges Sibirien.

Von Selma Wicki

Das Programm des «International Office of Irkutsk State Technical University» versprach «Exploring Siberia» – und da gab es einiges zu entdecken!
Für die meisten Teilnehmer aus unterschiedlichen europäischen und asiatischen Ländern war es der erste Besuch in Russland und machte so auch das Wohnen im Studentenheim zu einem unvergesslichen Erlebnis. Nebst dem Russischunterricht näherten wir uns Sibirien auf ganz verschiedenen Ebenen: historisch, kulturell, kulinarisch, ökologisch usw. Die Programmverantwortlichen und die russischen Englischstudenten, denen die gemeinsam verbrachte Zeit als «Praktikum» angerechnet wurde, kümmerten sich sensationell um unser Wohlergehen: vom spontanen Schaschlikgrillen, über persönliche Statements zum Alltagsleben im hintersten Winkel Russlands bis zur Führung durchs Irkutsker Nachtleben – nichts fehlte! Und als uns am Ende des zweiwöchigen Programms der verantwortliche Dekan feierlich ein Diplom und T‑Shirt der Uni überreichte, da ahnten wohl alle wie viele weitere Überraschungen in diesem riesigen Land noch darauf warten entdeckt zu werden

Picknic am See

Zuerst ist eines klarzustellen: Hier in Ulan-Ude ist man gut aufgehoben. Die Familien, bei denen man Gast sein darf, die Professoren, Angestellten und Studenten der deutschen Fakultät und alle Russen, die man etwas kennt, laden ein, unterstützen und schützen vor allerlei Gefahr, die ihren Erzählungen zu Folge hier doch omnipräsent sein muss.


Von Markus Brauchli

Wechselhafte Temperaturen

Ich bin vor fünf Wochen angekommen und mein Russisch ist sehr behelfsmässig. Und doch sind die Erlebnisse und Eindrücke vielfältig; mal dahingestellt ob sie einer Zeitreise entsprechen oder nicht.
Fröhlichkeit, etwas Aufgeschlossenheit gegenüber Unbekanntem und sich unkompliziert im Fluss des Geschehens treiben lassen, öffnen einem viele Türen hier in Burjatien. Und was die Sprache anbelangt: nicht den Mut verlieren! «Москва сразу не строилась.»
Letzte Woche, zum Beispiel, wurde ich ins Nationale Burjatische Theater eingeladen. Erwartet hatte ich einen Theaterabend von zwei bis drei Stunden Maximum und dann ab nach Hause, entspannen. Nachdem im zwölf Grad warmen Theatersaal in der ersten Hälfte ein farbenfrohes Stück über das burjatische Neue Jahr (Отдыхать) aufgeführt wurde, erklärte mir in der Pause meine Gastgeberin, dass sich heute hier fast ausschliesslich Leute aus Barguzin treffen. Dieses 300 km lange, östlich vom Baikalsee gelegene, bergige Tal feiert sich einmal im Jahr in Ulan-Ude, verleiht goldene und silberne Orden an alle, die was geleistet haben, wünscht sich eine glänzende Zukunft und schwelgt in der sowjetischen Vergangenheit. Studenten der musischen Künste singen und tanzen und Jahrhunderte alte Lieder treffen so auf elektronische Computer-Klänge. Es sprachen der ehemalige obers-te Parteisekretär der Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) in Burjatien, weitere zeitgenössische Politiker, merkwürdigerweise alle mit «Einiges Russland»-Partei-Anstecker und die heutige reiche Manager-oder besser Barguzins Oligarchengilde. Kommunismus trifft Kapitalismus. Auch ohne viel zu verstehen, war die ganze Szenerie sehr interessant. Nach vier Stunden im mittlerweile etwas wärmeren Theater, wechselte der Grossteil der Gesellschaft die Örtlichkeit, und in einem Restaurant etwas ausserhalb der Stadt wurde reichhaltig gespiesen und getrunken, begeleitet von sich ewig hinziehenden Trinksprüchen. Geschlossen wurde der Abend mit Tanz zu russischer Pop- und Elektromusik, wobei auch der mittlerweile 80-jährige ehemalige oberste Parteisekretär Burjatiens es sich nicht nehmen liess, mit fröhlichem Gesicht die Arme zu heben und zu senken. Als Ausländer und auch äusserlich klar erkennbarer Nicht-Burjate, wurde ich äusserst freundlich in alles miteinbezogen, durfte selbstverständlich keine Trinkgelegenheit verpassen, tanzen und ins Mikrofon sprechen und wurde zum Schluss mit Chauffeur auf geheiztem Ledersitz nach Hause gefahren. Ich hatte nicht erwartet diesen Mix verschiedener Zeiten und Gebräuche hier so nahe erleben zu können.

Klettern auf russisch

Auch Klettern in einer kleinen Schulturnhalle hat mir viele Erlebnisse und neue Bekanntschaften beschert. Die Kunstwände in der Stadt sind zwar sehr bescheiden, was die Grösse, doch umso fordernder was die Schwierigkeit angeht. Trotzdem, Klettern in der Halle gilt als Ausspannen (отдихать) und hat wenig mit dem hiesigen Klettern im Freien zu tun. Verstehen tut dies allerdings nur, wer mal mit Russen Klettern in der freien Natur war, auch wenn nur auf kleinen, felsdurchsetzten Hügeln. Hier ist nichts mehr von отдихать zu spüren, sondern von harter, Körper und Material verschleissender Arbeit. Schweizer Plaisirklettererfahrung hilft da wenig, es wird noch gehämmert: Metall reinhämmern und, wie sich’s für Bergsteigpuristen in Europa gehört, auch wieder – hier jedoch aus finanziellen Gründen – Metall heraushämmern. Das alles bei Tagestemperaturen um die - 20 Grad und, falls man Glück hat, wenig Wind. Man muss schon sehr angefressen sein, was Klettern und Bergsteigen anbelangt, wenn man solche Mühen auf sich nimmt. Zudem ist Geld ein sehr beschränktes Mittel und so gilt nur schon der Besitz von anständigen Kletterfinken als Privileg. Kinder und Jugendliche klettern fast ausschliesslich in normalen Turnschuhen.
Der Schweizer Durchschnitt lebt, nach meinem Ermessen,  im Vergleich zu hiesigen Verhältnissen im Paradies. Obwohl ein hartes Los, in Sibierien geboren zu sein, trifft man viele glückliche und freudige Gesichter, der Mensch ist anpassungsfähig. Völlig rational ausgedrückt: Die Prioritäten werden hier einfach anders gelagert und die Wahl ist etwas eingeschränkt. Trotzdem: Wer will, kann Snowboard fahren, Webpages designen, Elektro-Gitarre spielen, singen, tanzen, faulenzen oder einfach nur Drogen konsumieren. Was jugendliche Interessen anbelangt, ist also wenig von Zeitreise zu spüren.

Vergangenheit trifft Gegenwart

Dennoch sind selbstverständlich in Ulan-Ude, wie auch anderswo, die Zeichen der Vergangenheit, insbesondere der sowjetischen, zu sehen und wer sucht, der findet. Zudem besinnt sich ein Grossteil der Bevölkerung seit der Perestroika (перестройка) auf die Geschichte und Traditionen Burjatiens zurück, die, so scheint es, seit der Oktoberrevolution 1917 im lokalen Bewusstsein schlummernd auf ihre Wiederentdeckung gewartet haben. So ist ein Buddhismus angereichert mit schamanischen Einflüssen am erstarken, Dörfer und Strassen werden in ihre ursprünglich burjatischen Namen umbenannt und man trifft vermehrt auch hier auf Lokalpatriotismus; die Zeiten der multikulturellen «wir gehören alle zusammen»-Sowjetunion geraten so langsam in den Hintergrund.
Um nochmals auf die Frage der Zeitreise zurückzukommen: Es gibt hier für den historisch interessierten Westler also viel, teilweise auch rückwärts Gewandtes oder Veraltetes, zu entdecken und erleben, doch sollte muss sich schon bewusst sein, dass das hier Erlebte für die Einheimischen banale Gegenwart ist, Alltag geprägt von Schönem und weniger Schönem, Lustigem und Traurigem. Unsere Gegenwart kennt grosse Kontraste und Unterschiede und dies am eigenen Leibe hier in Ulan-Ude erleben zu dürfen, ist das grosse Privileg eines jeden Touristen, der hierher für etwas längere Zeit leben kommt.




Ich erinnere mich noch ganz genau an meine Ankunft in Minsk. Es war früh an einem sonnigen herbstlichen Sonntagmorgen. Mit dem Auto wurde ich vom Bahnhof zu meiner Gastfamilie gefahren. Die erste Fahrt quer durch die Stadt werde ich nicht mehr vergessen. Riesige breite Strassen, gesäumt von eindrucksvollen Gebäuden, waren das Erste was ich von Minsk sah. Da es wie gesagt an einem Sonntag war, war um diese Zeit noch niemand unterwegs. Kein Mensch, kein Auto weit und breit. Die ganze Szenerie erinnerte mich im ersten Moment an Bilder aus Nordkorea.


Von Warin Brühlmann

Warum wollte ich ausgerechnet nach Minsk?

Nicht nur meine Familie und Freunde stellten sich diese Frage. Auf noch viel weniger Verständnis schien es mir, bin ich bei vielen Leute in Minsk selber gestossen. Klar, ich wollte Russisch lernen. Aber wäre es nicht viel besser und logischer, dies in Moskau oder Sankt Petersburg zu tun? Warum nur Minsk? Von Anfang an hat mich diese unbekannte Stadt gereizt. Es war der Abenteuer- und Entdeckergeist in mir, der mich nach Minsk zog. Ich wollte einen Ort sehen und entdecken, den nicht schon jeder kennt und besucht hat. Minsk ist die Hauptstadt eines Landes, um das viele einen Bogen machen. Genau deshalb wollte ich dorthin.
Jetzt im nachhinein kann ich sagen, dass sich meine Erwartungen erfüllt erhaben. Dass ich an einen Ort gelangt bin, an dem Ausländer (noch) nicht alltäglich sind, merkte ich schon früh. Beispielsweise dann, wenn ich mal mit jemandem Englisch sprach und sich die Leute überall nach uns umdrehten. Die Zeit in Minsk war für mich alles andere als gewöhnlich und immer wieder eine Herausforderung. Wie bei jedem Abenteuer gab es schöne und weniger schöne Seiten, Überraschungen und Enttäuschungen. Diese Stadt ist extrem kontrastreich und entsprechend habe ich mich auch gefühlt.
Oft spazierte ich durch die Strassen der Stadt und hörte mir dabei eine CD mit weissrussischer Musik an. Diese hatte mir eine Studentin geschenkt, nachdem ich im Zusammenhang mit meinem Praktikum (Labour Service) vor ihrer Unigruppe einen Vortrag über die Musik in meinem Land gehalten hatte. Die Mischung aus den eigenen Eindrücken der Stadt und diesen sehnsüchtigen melodiösen Liedern verursachte bei mir immer wieder ein Glücksgefühl. In solchen Momenten liebte ich die Stadt und wollte eigentlich gar nicht mehr nach Hause. Schliesslich bin ich dann auch tatsächlich länger geblieben als ursprünglich geplant.

Eine Stadt hat viele Gesichter

Eine ganz spezielle Ausstrahlung hatte Minsk für mich jeweils in der Nacht. Die Gebäude leuchten dann in einem goldgelbenen warmen Licht, das der Stadt ein ganz anderes Gesicht gibt als am Tag. Es ist auch ein anderes Gesicht als das der vielen Plattenbauquartiere. Zu ihnen hatte ich ohnehin eine sehr seltsame Beziehung. Einerseits hatten sich mich fasziniert und teilweise regelrecht angezogen. Ein junger Weissrusse, dem ich einige meiner Fotos zeigte, hat mich angesichts der vielen Plattenbau-Motive auf meiner Digitalkamera, gefragt, ob ich eigentlich Architektur studiere. Was ich übrigens nicht mache. Gleichzeitig habe ich diese unendlich vielen grauen Wohnblöcke auch verabscheut. Während meinem Aufenthalt in Minsk hatte es oft Nebel und alles war grau. Ein Spaziergang durch die Schluchten der Plattenbauten kann einem dann sehr schnell zeigen, was absolute Trostlosigkeit bedeutet.

Weissrussische Gastfreundschaft

In solchen Situationen machte sich in mir regelmässig ein schwer beschreibbares Gefühl, ein Gefühl der Ohnmacht breit. Das spürte ich auch bei dieser Mischung aus Unfreundlichkeit und Misstrauen, die einem auf der Strasse immer wieder mal begegnet. Ich merkte, dass der Mensch als öffentliche Person, sei dies nun als Kunde in einem Geschäft, als Gast in einem Café oder als Passagier in einem Zug, eine andere Rolle zu spielen hat, als ich mir das gewohnt bin. Solche Situationen widersprechen so sehr der allseits beschworenen weissrussischen Gastfreundschaft. Dass diese nicht nur eine Erfindung der Reiseführer ist, hatte ich glücklicherweise auch erleben dürfen. Während ich am Billettschalter der Bahn beispielsweise angeschrien wurde, weil ich nicht alles verstand, kümmerte sich das Personal in einem Museum gerade deswegen in einer schon beinahe rührenden Art und Weise um mich.



Wer in Russland die Präsidentschaftswahlen gewinnt, war seit Dezember letzten Jahres klar: Dmitri Medwedew, «Putins Wunschkandidat». Was die Schweiz zu den beiden mächtigsten Männern Russlands zu denken hat, können wir in den hiesigen Medien mitverfolgen. Doch wie sieht die Berichterstattung rund um die Wahlen in der russischen Presse aus?


Von Christine Bertschi

Vorbildcharakter mit guter PR

Wir müssen nicht unbedingt komplizierte Fachbegriffe kennen, um Russlands politische Ereignisse «im Original» mitverfolgen zu können. Oft wird gerade für die springenden Punkte zu ganz anderen sprachlichen Mitteln gegriffen. Eines davon ist die Metapher, welche Dinge in einem übertragenen Sinn benennt und umschreibt. So können in einem politischen Artikel plötzlich Begriffe auftauchen, welche zum Beispiel aus dem Theater stammen. Dabei geht es keineswegs um die Abendunterhaltung von Putin und Co., vielmehr werden Politiker zu Schauspielern und Marionetten, die Abläufe im Kreml in einem Drehbuch festgehalten und verhandelt wird letztlich doch nicht auf der Bühne, sondern hinter den Kulissen. Damit wollen die Massenmedien nicht verwirren, sondern dem Volk, welches vielleicht vom Theater mehr Ahnung hat als von der Politik, mit Vergleichen eine bessere Vorstellung geben von den Vorgängen im Kreml.

Präsident oder Jesus?

Da Medwedews Sieg absehbar war, konnten Journalisten und Politologen bereits seit letztem Dezember über die Zeit nach den Wahlen werweisen. Die unbestrittene «Номер один» unter den Politikern ist Putin, man sagt, er sei nicht nur der höchste, sondern auch der einzige Politiker Russlands. Mit seiner Ablösung durch einen neuen Präsidenten tauchen bezüglich der Machtübergabe und seines Nachfolgers viele Fragen auf:
А готово ли российское общество к явлению нового мессии. – Doch ist Russlands Gesellschaft bereit für das Erscheinen eines neuen Messias? 1
Putin – ein Jesus, Erretter des russischen Volkes? Oder ist er doch nur ein Gaul, zusammen mit Medwedew vor den Wagen gespannt?
Если Медведев проходит «на ура», то может получиться так, что у нас будет два национальных лидера сразу в одной упряжке. Это уже не птица-тройка … я не знаю, как назвать эту политическую повозку. – Wenn Medwedew «auf Hurra» durchkommt, könnte es so herauskommen, dass wir gleichzeitig zwei Staatsführer in einem Gespann haben. Das ist schon kein «fliegender Drei-
spanner» mehr (in Anlehnung an Gogols «Tote Seelen») ... ich weiss nicht, wie man dieses politische Fuhrwerk nennt. 2
Ob als Zweiergespann oder – wie im nächsten Beispiel – auf dem Tandem: Putin und Medwedew werden in Zukunft zusammenhalten, das sind sich Zeitungen verschiedenster Ausrichtungen einig. Denn weder auf dem Tandem noch im Zweiergespann kann einer der beiden Politiker im Alleingang etwas unternehmen, und auch kräftemässig besteht eine Abhängigkeit zwischen ihnen.
Тандем Путин-Медведев – Das Putin-Medwedew-Tandem. 3
Возможен ли равноправный тандем президента и премьера? – Ist ein gleichberechtigtes Tandem von Präsident und Premier möglich? 1
Doch längst nicht alle Beispiele sprechen dafür, dass die beiden höchsten Politiker Russlands friedlich und gleichberechtigt zusammen regieren werden:
Ну, и после этого, во-первых, он [Медведев] победит, а во-вторых, будет ясно, что он на поводке. – Ja, und danach, erstens gewinnt er [Medwedew], und zweitens wird klar, dass er an der Leine ist. 2
Nun ist Medwedew der Hund, welcher an der Leine seines Herrchens Putin gehen muss. Die Zukunft wird uns zeigen, ob Medwedew «bei Fuss» gehen muss, oder ob er mit der Zeit sogar selbst die Rolle des Herrchens übernehmen wird.

... oder doch lieber einen Zaren?

Эта конструкция принципиально не работающая, особенно с учетом российского менталитета, когда, действительно, народ ментально еще в рабском состоянии. Конечно, они хотят царя. Двух царей не бывает ... – Diese Konstruktion funktioniert aus Prinzip nicht, vor allem unter Berücksichtigung der russischen Mentalität, wenn, wirklich, das Volk mental noch im sklavischen Zustand ist. Natürlich, sie wollen einen Zaren. Zwei Zaren gibt es nicht ... 3
Jedem Russen ist klar, wie die Zarenherrschaft aussieht: autokratisch, einer herrscht, alle anderen haben zu gehorchen und sind seiner Willkür ausgesetzt. Es versteht sich, dass zwei solche Herrscher nebeneinander nicht bestehen können. Ob sich der Leser jedoch mit dem Bild der Sklaven identifizieren will, und ob er sich die Zarenzeit wirklich zurückwünscht, lassen wir hier offen.

Politik oder Theater?

Wird Putin auch nach Ablauf seiner zweiten Amtsperiode die Fäden (und die Hundeleinen) in der Hand haben und aus dem Hintergrund alles steuern?
Рассуждения о закулисных играх, о будущем преемнике как марионетке Путина абсолютно беспочвенны. – Die Überlegungen über die Spiele hinter den Kulissen, über den Nachfolger als Marionette Putins sind völlig grundlos. 4
Macht abzugeben ist bekanntlich nicht einfach. Da Putin kein drittes Mal zum Präsident kandidieren darf, bleibt ihm der Ausweg, als Premier im Hintergrund zu wirken.

Politiker oder Tiere?

Putin und Medwedew erreichen ihre politischen Ziele also per Tandem oder vor ein Fuhrwerk gespannt, und Medwedew muss auch mal an der Leine seines Herrchens Putin gehen. Im nächsten Beispiel wird das Verhältnis zwischen dem alten und dem neuen Präsidenten an den Ort gebunden, wo sie agieren. Und dieser ist für einmal nicht der Kreml, sondern – eine Bärenhöhle:
Конфликт интересов: уживутся ли Медведев и Путин в одной берлоге – Interessenskonflikt: Können Medwedew und Putin nebeneinander bestehen in einer Bärenhöhle? 5
Der Vergleich des Kremls mit einer Bärenhöhle passt gleich dreifach gut: Als wichtiges russisches Symboltier steht der Bär für Russlands Grösse und Stärke. Zudem ist der Eisbär das Wappentier der Partei «Единая Россия» – Einiges Russland, welcher die beiden mächtigsten Männer Russlands angehören. Und dass Medwedew, zu Deutsch Herr Bär, in eine Bärenhöhle gehört, leuchtet ebenfalls ein.
Ob das Tandem weit kommt oder es in der Bärenhöhle zu eng wird und die Hundeleine zerreisst, wird sich zeigen. Spannend bleibt es auf jeden Fall, und immer auf dem neuesten Stand ist man zum Beispiel mit den russischen Onlinezeitungen, welche links vorgestellt werden.

mw. Die Zeit steht nie still, heisst es. Auch wenn dem so sein sollte, macht diese Ausgabe der Vostotsch-

naja doch klar, dass die Uhren im Osten ein klein wenig anders ticken als zuhause, innehalten tun sie freilich auch dort nie.

«Die Zeit in Minsk war für mich alles ­andere als gewöhnlich und immer wieder eine Herausforde-

rung», schreibt Warin Brühlmann in seinem Artikel «Kontraste». Vieles aus der Heimat ist in Belarus anders und fremd, anderes wieder bleibt vertraut – oder ist man einfach selber schon ein Anderer? Diesen und anderen Fragen wollen wir in der neu geschaffenen Rubrik «Blick zurück» nachgehen. Ehemalige Teilnehmer berichten von ihren Erlebnissen, Eindrücken und inwiefern sie noch heute von den Erfahrungen ihres Aufenthaltes in einem der GUS-Staaten profitieren.

Die Stiftung Jugendaustausch Schweiz-GUS stellt ihr diesjähriges Sommerprogramm in Sibirien vor, diesem einzigartigen Flecken Erde.

«Exploring Sibiria», das hat Selma Wicki in ihrer zweiwöchigen Rundreise nach Irkutsk bereits hautnah erlebt. Ganz klar: Die sibirische Zeit wartet auf ihre Entdecker.

Markus berichtet über seinen Aufenthalt in Ulan-Ude (Burjatien). Die grosse Gastfreundlichkeit und die Unternehmungslust der Einheimischen zeigen deutlich, dass es sich immer lohnt, sich Zeit für eine längere (Zeit-)Reise zu nehmen.

Präsidentschaftswahlen in Russland: Christine gewährt einen spannenden Einblick in die Berichterstattung russischer Zeitungen, die bereits vorher wissen, was nachher kommen wird: ein Zweispänner, wo der Fuhrmann gleichzeitig vorgespannt ist: «Who knows where the time goes?»

In einer Schweizer Strassenumfrage zeigt sich, dass Herr und Frau Schweizer nicht unbedingt zu grossen Spezialisten russischer Zeitgeschichte gezählt werden dürfen. Immerhin: Wird in einem Kreuzworträtsel nach einem Revolutionär mit fünf Buchstaben gefragt, verstreicht auch im Mittelland meist nur wenig Zeit bis zur Antwort.

Über ein erstaunliches und erlebnisreiches Wochenende, eine Fahrstunde von Minsk auf dem Lande, schreibt Sandra Voser im Forum. Wie zu Grossvaters Zeiten werden die Kartoffeln noch mit dem Pferd eingesammelt und die Zeit scheint für einen Moment stillzustehen. Das Nachtleben erinnert dann wieder sehr an westliche Breitengrade.

Lucas Kolumne über den Stillstand der Zeit preist schliesslich die kalendarischen Auszeiten, die die Verdoppelung der Weihnachtszeit durch das

julianische Kalendersystem Anpassungsfähigen ermöglicht.

Das 20. Jahrhundert war in Russland turbulent und voller gesellschaftlicher und politischer Veränderungen. Was weiss man heute im Westen noch davon? Oder konkreter: Was wissen und denken Schweizer über Russlands Vergangenheit? Eine kleine Strassenumfrage ...


Von Christine Bertschi

Vreni Javet, Kioskverkäuferin in Aarau

Stalin: Krieg, alles verrückt, einfach schlimm. Aber eigentlich interessieren mich Krieg und Herrscher überhaupt nicht. Ich war vor sieben Jahren in Moskau und St. Petersburg, auf einer Schiffsreise. Dort haben wir halt Schlösser angeschaut und nichts über Politik und Geschichte erfahren. Aber tragisch, wie es den Leuten dort geht, einfach schlimm.

Herr und Frau Fischer aus Lenzburg

Er: Revolution? (zu ihr) Sag’s du, du kommst da besser draus!
Sie: War das das mit Lenin?
Er: Ja, der war doch ein fertiger Kommunist!!!
Sie: War das die Revolution, wo sich viele Länder vereinigten?
Er: Nein, nein, sicher nicht! Das war viel vorher ... In Doktor Schiwago dreht sich doch alles um diesen Lenin.
Sie: Und in Kreuzworträtseln begegnet man ihm auch oft.

Sowjetische Raumfahrt:

Er: Gagarin war doch als erster im Weltraum.
Sie: Aber noch vor ihm war dieser Hund, Sheila hiess er, ach nein: Laika! In den 60er Jahren muss das gewesen sein, oder sogar schon in den 50ern?

Frau um die 40 in Riehen, BS

Revolutionen in Russland im 20. Jahrhundert: Glasnost, Gorbatschow, Öffnung. Muss um das Jahr 1999/2000 gewesen sein.
Lenin: Kürzlich haben sie ein Denkmal von ihm gestürzt. Er probierte Gutes, doch es gefiel nicht allen.
GULag: Davon haben wir hier nur Bruchstücke gehört, wir haben wohl wenig Ahnung von der ganzen Tragik.

Zwei ältere, leicht angetrunkene Wanderer, welche anonym bleiben möchten

Der eine: Russische Geschichte??? Da kommt mir nur Wodka in den Sinn!
Der andere: Die sollen doch endlich den Balkansee (sic!) in Ordnung halten!!!

Tobias Grass, Elektrotechnik-Student

Russische Revolution: 1917 wurde der Zar abgesetzt und Lenin übernahm die Macht. Nach ihm folgte Stalin.
Perestroika: ... und Glasnost: Glasnost heisst Durchsichtigkeit, aber Perestroika? Jedenfalls, es war unter Gorbatschow, kurz vor dem Zusammenbruch der UdSSR und trug zur Öffnung bei.
Sowjetische Raumfahrt: Ein Wettbewerb zwischen den USA und der UdSSR, wobei die UdSSR voraus war, sie hatten den ersten Menschen im All und den ersten Sputnik-Satelliten. Viel Geld haben sie für diese Art von Wettrüsten ausgegeben. Vielleicht zu viel, an anderen Orten fehlte es dann. Ab 1989 geriet die Raumfahrt in den Hintergrund, es gab andere Probleme. 

Herr Schaller

Das Ende des Zarenreichs: Mausarm waren die Leute, sie haben für ein Trinkgeld gearbeitet, aber leben mussten sie ja trotzdem irgendwie. Diese sozialen Umstände haben zur Revolution geführt. Marx, Engels und Lenin zettelten sie an, andere zogen nach.
Fünfjahresplan: Eine Utopie, kann sowas überhaupt durchgezogen werden? So viele Faktoren können den Plan durcheinanderbringen.
GULag: Davon habe ich viel vernommen, eine schreckliche Sache. Politische Dissidenten wurden abgeschoben. Nicht die Leute, die materielle Leistung erbrachten, sondern die Intelligenz, welche einen Gegenpol zum Kommunismus bilden wollte. Die sogenannte Dissidenz.

Diana Siegolf

Revolutionen: Oktoberrevolution, Februarrevolution, irgendwann anfangs 20. Jahrhundert. Die Bolschewisten, Lenin war ihr Anführer. Gegen die Zarenfamilie war die Revolution, glaube ich, gerichtet.

Dejan und Žarko

Russland ist unser Lieblingsland, gleich nach Serbien. Raumfahrt, der erste Mensch im All? In den 40er, 50er, 60er Jahren vielleicht? Während der Hippiezeit muss das gewesen sein.

PS: Natürlich haben wir nur die klügsten, kreativsten und lustigsten Antworten abgedruckt. Sämtliche «weiss nichts», «habe andere Sorgen», «fragen Sie doch diesen Mann dort drüben, der weiss sicher mehr als ich» wurden weggelassen.

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