Von Christine Bertschi
Tania Hörler geht, Selma Wicki kommt. Ein Gespräch über ihre Beziehung zu Ländern und Leuten im Osten, über ihre Erfahrungen dort und über die Arbeit auf der Geschäftsstelle der Stiftung Jugendaustausch.
Vier Jahre hat Tania Hörler auf der Geschäftsstelle in Luzern Teilnehmer und Partner betreut, beraten und sich im Hintergrund darum gekümmert, dass bei den Programmen alles rund läuft. Nun sucht sie nach neuen Horizonten, noch weiter im Osten: Im November fliegt Tania für zwei Jahre nach Indonesien.
Seit Anfangs September arbeitet nun Selma Wicki mit Luca Frölicher zusammen. Sie studiert in Fribourg Politologie, Ethnologie und Zeitgeschichte, mit Jugendaustausch Schweiz-GUS war sie schon auf einem ukrainischen Bauernhof, in Minsk und einen Sommer lang in Irkutsk.
Wie seid Ihr in Kontakt gekommen mit dem GUS-Raum und der Stiftung?
Selma:Während dem Studium suchte ich eine Beschäftigung für den Sommer. Ich wollte weder nur arbeiten, noch nur reisen. Ich besuchte damals ein Seminar zu Stalinismus, dort machten Flyer von Schweiz-GUS die Runde. Der Labour Service im Ukrainischen Nishnie Selishtse kam mir also gerade recht. Das war vor drei Jahren. Ein Sommer später fand ich, ich könnte ja wieder in den Osten fahren, und entschied mich für Minsk. Letztes Jahr war ich dann mit dem Programm «Sibirien entdecken» in Irkutsk. In der Ukraine habe ich damals mit Russisch bei Null angefangen, später besuchte ich in der Uni Russischkurse. Mein Interesse an der ehemaligen Sowjetunion ist über die ereignisreiche Geschichte gekommen, später auch über die Menschen, über Kontakte, die geknüpft hatte. Meine Familie war auch Gastfamilie für eine russische Studentin.
Tania: Auch bei mir kam das Interesse über die Geschichte. Mich faszinierte zudem die kyrillische Schrift und die russische Sprache, die Türen öffnet zu einem riesigen geografischen Raum mit gemeinsamer Vergangenheit und doch verschiedensten Kulturen. Mit meiner Gastfamilie in Minsk habe ich immer noch Kontakt, so kann ich Veränderungen in Belarus auch von der Schweiz her miterleben. Wenn ich Fotos von meiner Gastmutter – welche etwa gleich alt ist wie ich – aus 1989 anschaue, erinnern sie mich irgendwie an Fotos, die ich aus der Jugendzeit meiner Mutter kenne. Heute sind wir uns schon sehr viel ähnlicher.
Selma: Russisch gibt mir auch Zugang zu anderen Sprachen, in Slowenien zum Beispiel habe ich viel verstanden.
Tania: Die enorme Herzlichkeit und Gastfreundschaft spüre ich im Osten jedes Mal wieder. Sie geben einem sofort das Gefühl, willkommen zu sein!
Selma: Die Unterschiede zwischen Stadt und Land faszinieren mich. In der Ukraine – ich konnte damals noch kaum Russisch – sagten mir einmal Kollegen meines Gastbruders bei einem Picknick am Strassenrand weit weg von der Zivilisation: «Man merkt, dass du kein Stadtkind bist!»
Tania: Nun zieht es mich weiter in den Südosten. Russland bleibt für mich aber ein wichtiger Teil, die Freunde dort, zudem waren diese Reisen meine ersten wichtigen Auslanderfahrungen. Zentralasien möchte ich unbedingt noch einmal bereisen und vielleicht mal den Kaukasus.
Selma: Auf die Krim würde ich gerne mal gehen. Und nach Georgien, wegen dem Essen.
Seit dem 1. September arbeitet Selma auf der Geschäftsstelle, zwei Wochen verbringt sie zusammen mit Tania, um sich einzuarbeiten. Nachher verlässt Tania nicht nur die Geschäftsstelle, sondern bald auch die Schweiz.
Tania: Im November fliege ich nach Indonesien. In einem internationalen Friedensförderungsprojekt werde ich mich mit Konfliktbearbeitung und Friedenspädagogik befassen – und vor Ort Indonesisch lernen. Verglichen mit dem Russischen eine einfache Sprache, ohne komplizierte Grammatik!
Selma: Ich verspreche mir von der Arbeit bei Jugendaustausch Schweiz-GUS Einblicke in die Kulturen, das Kennenlernen von verschiedensten Leuten. Ein Bürojob, eine Arbeit im administrativen Bereich wird für mich etwas Neues sein. Bisher habe ich im Pflegeheim, als Landschaftsgärtnerin, in Hotel und Schwimmbad und als Protokollführerin gearbeitet.
Tania: Ich habe hier bei der Arbeit gelernt den Überblick zu behalten, Situationen einzuschätzen, Projekte zu koordinieren. Die Zusammenarbeit mit unseren Partnern, mit ihren kulturell bedingten unterschiedlichen Herangehensweisen war immer eine Herausforderung. Man ist im Sandwich zwischen den Teilnehmern und den Partnerorganisationen, man muss den Wünschen und Erwartungen der Schweizer gerecht werden, und gleichzeitig den Möglichkeiten der Partner im Osten entsprechen. Am Anfang meiner Arbeitszeit hier habe ich mit meiner direkten Art unsere Partner wohl manchmal brüskiert. Die Vermittlung zwischen diesen beiden Seiten ist wichtig, aber auch die Vorbereitung unserer Geschäftsstelle auf die Zertifizierung mit einem Qualitätslabel, die Kommunikation mit Konsulaten, Stiftungsrat, dem Dachverband Intermundo und Medien bilden einen zentralen Teil unserer Arbeit.
Selma: Ich finde es spannend, wie unterschiedliche Leute sich für dasselbe interessieren und einsetzen.
Tania: Die Rückmeldungen über ein und dasselbe Projekt sind dann jeweils auch sehr verschieden, nicht jeder sieht dasselbe gleich. Auf der Geschäftsstelle entstehen immer wieder neue Situationen, meist helfen Vermittlungsgeschick und Lösungsvorschläge, um für alle Beteiligten das Optimum herauszuholen.
Wir wünschen Tania eine spannende Zeit in Indonesien und Selma alles Gute bei ihrer neuen Arbeit auf der Geschäftsstelle.